Julius Cäsar und Kleopatra bilden eines der berühmtesten Liebespaare der Menschheitsgeschichte. Kein Wunder also, dass sich Kulturschaffende aus allen Disziplinen – von Kunst über Theater bis hin zum Film – von der leidenschaftlichen Beziehung zwischen dem römischen Feldherrn und der ägyptischen Pharaonin inspirieren ließen. Die eindrücklichste musikalische Umsetzung gelang vor 300 Jahren Georg Friedrich Händel mit seiner Oper »Giulio Cesare in Egitto«, die mit ihrer reichen Instrumentierung und den vielen musikalischen Einfällen bis heute zu den Meilensteinen der barocken Heldenoper gehört. Nun erklingt das Werk in prominenter Besetzung erstmals konzertant in der Elbphilharmonie.
In der Titelrolle ist dabei Countertenor-Star Jakub Józef Orliński zu sehen, dem mit der französischen Sopranistin Sandrine Piau eine nicht minder gefeierte Kollegin gegenübersteht. Für seine beide Hauptfiguren schrieb Händel je acht glanzvolle Arien mit einer außergewöhnlichen Charaktertiefe, die Orliński und Piau nun zu darstellerischen Höchstleistungen führen dürften. Begleitet werden sie an diesem Abend vom Barockensemble Il Pomo d’Oro, das auf die historische Aufführungspraxis spezialisiert ist und das in der Elbphilharmonie schon mehrfach für Sternstunden der Barockmusik sorgte.
Auftakt »Giulio Cesare in Egitto« :Die Audio-Einführung
Besetzung
Il Pomo d’Oro
Jakub Józef Orliński Giulio Cesare
Sandrine Piau Cleopatra
Beth Taylor Cornelia
Rebecca Leggett Sesto
Yuriy Mynenko Tolomeo
Alex Rosen Achilla
Rémy Brès-Feuillet Nireno
Marco Saccardin Curio
Francesco Corti Cembalo und Leitung
Die Künstler:innen
Jakub Józef Orliński :Giulio Cesare
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Über Jakub Józef Orliński
Er ist einer der beliebtesten Opernstars dieses Jahrzehnts: Der Countertenor Jakub Józef Orliński wurde nicht nur mit Preisen ausgezeichnet wie dem Opus Klassik 2023 als Sänger des Jahres, dem BBC Music Magazine Award 2024 oder dem International Classical Music Award 2022. Mit seinem Popstar-Appeal lockt er zudem in Europa, Nordamerika und Asien ein neues Publikum an. Schließlich sind seine Live-Auftritte »atemberaubend«, so der britische Guardian – und das nicht nur auf den Gesang bezogen: Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris 2024 kombinierte der geübte Breakdancer etwa Barockgesang mit Tanz.
Höhepunkte der aktuellen Saison waren unter anderem eine Tournee mit Il Giardino d’Amore, Georg Friedrich Händels »Messiah« mit dem Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin sowie sein Auftritt als Athamas in Händels »Semele« an der Dutch National Opera in Amsterdam. Später in dieser Spielzeit steht noch eine Tournee nach Japan, Südkorea, Singapur und Shanghai auf dem Programm, gefolgt von einer ausgedehnten Tournee quer durch Europa im Mai 2026.
Jakub Józef Orliński erreicht seine Fans auch über Youtube und Social Media, wo ihm Hunderttausende folgen. Sein Album »Beyond« von 2023, das der Sänger mit Il Pomo d’Oro einspielte, wurde von der britischen Times zum besten klassischen Album des Jahres ernannt. 2024 erschien das Album »#Lets
BaRock«, auf dem Barockmusik mit Schlagzeug und E-Bass verstärkt wird.
Sandrine Piau :Cleopatra
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Über Sandrine Piau
Sandrine Piau machte sich erst einen Namen in der Barockmusik, vergrößerte dann ihr Repertoire und gehört heute zu den herausragenden Interpretinnen in der Opernwelt. Die Sopranistin konzertiert regelmäßig weltweit, von Paris über New York, von London bis nach Tokio. Dabei tritt sie an Häusern auf
wie der Opéra national de Paris, La Monnaie in Brüssel und das Royal Opera House in London. Die Sängerin arbeitet mit vielen Spezialisten für Alte Musik zusammen, etwa den Dirigenten William Christie, Philippe Herreweghe und René Jacobs.
In den vergangenen Spielzeiten sang sie in Werken wie Wolfgang Amadeus Mozarts »Così fan tutte« an der Bayerischen Staatsoper in München und den Uraufführungen »Melancholie des Widerstands« von Marc-André Dalbavie an der Berliner Staatsoper sowie »Innocence« von Kaija Saariaho beim Festival
d’Aix-en-Provence. Bei Liederabenden sind ihre künstlerischen Partner unter anderem die Pianisten Alexandre Tharaud, Christian Ivaldi und Éric Le Sage.Ihre weitgefächerte Diskografie umfasst Alben wie Enchantresses mit Händel-Arien, eingespielt mit Les Paladins unter der Leitung von Jérôme Correas. Im Herbst 2025 erschien ihr jüngstes Album »Quintette Imaginaries« mit dem Quatuor Psophos; es ist Werken Franz Schuberts gewidmet. 2006 wurde die Sopranistin von der französischen Regierung zum Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres ernannt, 2009 folgte die Auszeichnung als Sängerin des Jahres bei den Victoires de la Musiques Classiques
Francesco Corti :Cembalo und Leitung
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Über Francesco Corti
Der Cembalist und Dirigent Francesco Corti wurde im italienischen Arezzo in eine musikalische Familie geboren und studierte zunächst Orgel in Perugia, dann Cembalo in Genf und Amsterdam. Er ist Preisträger des internationalen Bach-Wettbewerbs in Leipzig und des Cembalo-Wettbewerbs in Brügge.
Als Solist und Dirigent gibt er weltweit Konzerte und ist regelmäßiger Gast bedeutender Konzerthäuser, darunter das Thêatre des Champs-Elysées in Paris, das Wiener Konzerthaus und das Concertgebouw Amsterdam. Seit 2018 ist Francesco Corti Erster Gastdirigent von Il Pomo d’Oro, mit dem er zahlreiche gefeierte Alben eingespielt hat. Unter anderem leitete er das Ensemble bei seinen Europa-Tourneen mit Georg Friedrich Händels »Orlando«, »Radamisto« und »Tolomeo«. Weitere Engagements beinhalten Konzerte mit namhaften Ensembles wie Les Musiciens du Louvre, dem Freiburger Barockorchester und der Nederlandse Bachvereniging. Seit 2023 ist er zudem musikalischer Leiter am Königlichen Theater im schwedischen Drottningholm. Dort dirigierte er bislang Neuproduktionen von Henry Purcells »The Fairy
Queen«, Jean-Baptiste Lullys »Armide« und Georg Philipp Telemanns »Orpheus«.Mit Il Pomo d’Oro veröffentlichte er etwa Cembalokonzerte von Johann Sebastian Bach und Händels »Apollo e Dafne«. Seine Soloaufnahmen wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diapason d’Or, der Preis der Deutschen Schallplattenkritik und der Grammophone Editor’s Choice.
Il Pomo d’Oro :Ensemble
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Über Il Pomo d’Oro
Das Ensemble Il Pomo d’Oro wurde 2012 gegründet und zeichnet sich insbesondere durch eine authentische, dynamische Interpretation von Opern und Instrumentalwerken des Barock und der Klassik aus. Alle Mitglieder des Ensembles sind Spezialisten im Bereich der historisch informierten Auffüh-
rungspraxis. Bisher hat das Ensemble mit Dirigenten wie Riccardo Minasi, Maxim Emelyanychev, George Petrou und Enrico Onofri zusammengearbeitet. Darüber hinaus leitet die Konzertmeisterin Zefira Valova das Ensemble in vielen Projekten selbst. Seit 2016 fungiert Maxim Emelyanychev als Chefdirigent, seit 2018 ist Francesco Corti erster Gastdirigent.
Il Pomo d’Oro ist regelmäßig in bedeutenden Konzerthäusern und bei großen Festivals in ganz Europa zu Gast. Nach dem weltweiten Erfolg des Projekts In »War and Peace« mit Joyce DiDonato, präsentierte das Ensemble an der Seite der amerikanischen Mezzosopranistin die Programme »My Favourite
Things« und zuletzt »Eden«. Die umfangreiche und vielfach ausgezeichnete Diskografie des Ensembles umfasst unter anderem Aufnahmen von Händels »Agrippina«, »Serse« und »Tamerlano«, Alessandro Stradellas »La Doriclea« sowie Konzerte mit Sängern und Sängerinnen wie Jakub Józef Orliński, Joyce DiDonato, Cecilia Bartoli und Lisette Oropesa. 2022 begann das Ensemble ein Langzeitprojekt unter der Leitung von Maxim Emelyanychev, das sich der Gesamtaufnahme von Mozarts Sinfonien und ausgewählten Solokonzerten widmet.
Il Pomo d’Oro ist offizieller Botschafter von El Sistema Griechenland, einem humanitären Projekt, das Kindern in griechischen Flüchlingslagern Zugang zu kostenlosem Musikunterricht ermöglicht. Das Ensemble spielt außerdem regelmäßig Benefizkonzerte und bietet Musikunterricht und Workshops in den Flüchlingslagern an. Der Name des Ensembles bezieht sich auf eine Oper von Antonio Cesti aus
dem Jahr 1666. Eigens für die Hochzeit von Kaiser Leopold I und Margarita Teresa von Spanien komponiert, war »Il Pomo d’Oro« mit 24 Bühnenbildern, einem Pferdeballett mit 300 Pferden und Feuerwerk wahrscheinlich eine der größten, teuersten und spektakulärsten Inszenierungen des damals noch jungen Genres Oper.
Programm
Georg Friedrich Händel
Giulio Cesare in Egitto / Dramma per Musica HWV 17
Konzertante Aufführung in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Ägyptomanie in der Oper
Wenn es Cäsar und Kleopatra nicht tatsächlich gegeben hätte, man hätte diese Figuren für die Oper erfinden müssen. Denn das Leben des römischen Staatsmannes und der ägyptischen Pharaonin bietet wirklich alles, was man an Drama und Leidenschaft, an Intrigen, Macht und Tod braucht, um einen spannenden Plot zu inszenieren. Kein Wunder also, dass sich Kulturschaffende aus allen Disziplinen von der (Liebes-) Geschichte um Cäsar und Kleopatra – sowie Marcus Antonius, dem dritten im Bunde – inspirieren ließen.
Schon William Shakespeare widmete sich um 1600 mit seinen Tragödien Julius Caesar und Antonius und Cleopatra gleich zweimal diesem Stoff. Später, im 20. Jahrhundert, entdeckte dann vor allem Hollywood das Potenzial der antiken Figuren und brachte gleich mehrere Verfilmungen auf die Leinwand, allen voran Cleopatra von 1963 mit Elizabeth Taylor, Richard Burton und Rex Harrison in den Hauptrollen – über Jahrzehnte hinweg der teuerste Film aller Zeiten! Im selben Jahr erschien auch der Comic Asterix und Kleopatra, der 1968 verfilmt wurde und das Bild von Cäsar und Kleopatra für Generationen prägte.
Dass die »Ägyptomanie« in Europa über Jahrhunderte hinweg anhielt, hing immer wieder auch mit bedeutenden realen Ereignissen zusammen, darunter die Ägypten-Expedition Napoleon Bonapartes in den Jahren von 1798 bis 1801, bei der der Stein von Rosette gefunden wurde, mit dessen Hilfe es gelang, die ägyptischen Hieroglyphen zu entschlüsseln. Oder die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun durch Howard Carter 1922, in dem sich auch die berühmte Goldmaske befand, die heute so ikonisch für das Alte Ägypten steht wie die Pyramiden oder die Sphinx.
Bei alledem scheint es also nur konsequent, dass auch die Oper konstant Gefallen an diesem Sujet gefunden hat. Bekanntestes Beispiel ist sicherlich Aida von Giuseppe Verdi von 1871, doch auch schon Mozart spielte 1791 in seiner Zauberflöte mit ägyptischen Motiven. Und wiederum rund 70 Jahre früher war es Georg Friedrich Händel, der mit Giulio Cesare in Egitto (1724) und Tolomeo, Re di Egitto (1728) zwei Opern in diesem Setting ansiedelte.
Importschlager aus Italien
Beide Werke schrieb Händel für die 1719 in London gegründete Royal Academy of Music, eine Operngesellschaft, an der neben dem britischen Königshaus auch mehrere Dutzend Vertreter der Aristokratie beteiligt waren. Ziel war es, die italienische Oper, die man sonst nur auf Reisen erleben konnte, regelmäßig auch in der britischen Hauptstadt genießen zu können. Spielstätte wurde das bis heute existierende King’s Theatre am Londoner Haymarket; Händel wurde zum musikalischen Direktor ernannt. In dieser Funktion leitete er das Opernorchester und hatte außerdem die Aufgabe, die besten Gesangsstars vom europäischen Festland zu engagieren. Für ihre Stimmen schrieb er über neun Spielzeiten hinweg neue Opern, ehe die Academy aus wirtschaftlichen Gründen schließen musste.
Giulio Cesare in Egitto bildet dabei den Höhepunkt dieser Jahre und stellt zugleich einen Prototyp der barocken Heldenoper dar. Das Thema der Oper dürfte dabei ein entscheidender Vorteil für den Erfolg gewesen sein, denn die Geschichte des berühmtesten Liebespaares der Menschheitsgeschichte war schon damals allgemein bekannt und musste nicht – wie so viele andere verworrene Opernhandlungen dieser Zeit – erst mühsam vom Publikum entflochten werden.
Für das Libretto schrieb Nicola Francesco Haym ein älteres Textbuch um, in das er unter anderem neue Arien hinzufügte, die der Oper zu ihrem späteren Glanz verhalfen. Händel dürfte dabei auch selbst in die Gestaltung eingegriffen haben, um seine musikalischen Ideen verwirklichen zu können. Das Besondere: Alle Figuren sind, bis auf die kleinen Rollen des Curio und Nireno, historisch belegt. Während des recht mühsamen Kompositionsprozesses wechselte mehrfach die Besetzung, weshalb mehrere Versionen von der Oper existieren. Bei der Premiere im Februar 1724 standen mit dem »Senesino« genannten Kastraten Francesco Bernardi als Cäsar und der Sopranistin Francesca Cuzzoni als Kleopatra dann zwei der besten und teuersten Gesangssolisten jener Zeit auf der Bühne.
Zwei ebenbürtige Partner
Zwar nennt die Oper nur Cäsar im Titel, jedoch hält Händel für beide Hauptpartien je acht Arien bereit, was die Ebenbürtigkeit der beiden Figuren zeigt. Cäsar entspricht dabei der typischen Darstellung des edlen Herrschers in einer Barockoper: in vier Arien präsentiert er sich als Eroberer mit militärischen Ambitionen, während die anderen vier den gefühlvollen und liebenden Privatmann zeigen, was seinen facettenreichen Charakter unterstreicht.
Hervorzuheben ist besonders das Accompagnato-Rezitativ »Alma del gran Pompeo« (Seele des großen Pompeo) im ersten Akt, in dem er an der Urne des ermordeten Pompeo über die Endlichkeit des Lebens sinniert. »Händels Vertonung dieses Monologs ist ein Meisterstück theatralischer Deklamation, bei der die Musik den Sinn der Worte unterstützt, ohne Wortausdeutung im überkommenden Sinne zu sein«, schreibt die Musikwissenschaftlerin Silke Leopold dazu. »Es sind die simpelsten kompositorischen Mittel, die, an der richtigen Stelle platziert und mit einer schier unendlichen Einfühlungsgabe in die Seelenverfassung eines Protagonisten erfunden, einen ungeheuerlichen Effekt erzielen.«
Noch vielschichtiger ist die Rolle der Kleopatra angelegt, wobei die Figur mit jeder Arie an Tiefe gewinnt. Tritt sie zu Beginn noch als fast unbedarftes Mädchen auf, reift sie schon bald zur Frau heran, die die Aufmerksamkeit Cäsars für sich gewinnen will und dann Opfer ihrer eigenen Leidenschaften wird. Berühmt geworden ist ihre schwermütige Arie »Se pietà di me non senti« (Wenn du kein Erbarmen mit mir hast) im zweiten Akt, in der sie um das Leben Cäsars bangt ebenso wie das verzweifelte »Piangerò, la sorte mia«(Ich werde um mein Schicksal weinen) im dritten Akt während ihrer Gefangenschaft – »ein einziger innerer Kampf um Selbstbeherrschung« (Silke Leopold), auf den ein emotionaler Wutausbruch folgt.
Bewusst deutlich oberflächlicher sind die übrigen Rollen gestaltet, darunter Kleopatras bösartiger Bruder Tolomeo sowie dessen Berater Achilla, deren eindimensionaler Charakter sich in der Musik widerspiegelt. Einzig die Rolle der Cornelia, die Witwe des Pompeo, strahlt noch eine gewisse Wärme aus. Sie ist die eigentlich tragische Figur dieser Oper.
Erfolg mit Unterbrechung
Händel setzte Giulio Cesare in Egitto in den Jahren nach der Premiere immer wieder aufs Programm; insgesamt sind 38 Aufführungen unter seiner Leitung dokumentiert. Auch auf dem Festland wurde die Oper bereits im Sommer 1724 erstmals im privaten Rahmen gezeigt, ehe sie 1725 in Braunschweig und schließlich auch in Hamburg – teils in anderen beziehungsweise erweiterten Fassungen – vor zahlendem Publikum gespielt wurde. Anschließend verschwand sie – wie praktisch alle Opern Händels – für lange Zeit von der Bühne.
Erst 1922 wurde sie bei den Händel-Festspiele in Göttingen erstmals wieder aufgeführt, wenn auch in einer von Oskar Hagen, dem Gründer der Festspiele, stark bearbeiteten und außerdem übersetzten Fassung. Dennoch legte diese Version, bei der unter anderem die Partie Cäsars für einen Bariton umgearbeitet wurde, den Grundstein für die neu entflammte Popularität der Oper. Die erste Aufführung in historischer Aufführungspraxis erfolgte 1985 unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien. Heute, 40 Jahre später, gilt Giulio Cesare in Egitto als beliebteste Oper Händels.
Text von Simon Chlosta

